Die Angst, dass aus mir nichts Richtiges wird, ist immer noch nicht verschwunden.
„Die Angst, dass aus
mir nichts Richtiges wird, ist immer noch nicht verschwunden“, schreibt Hazel
Brugger, die Schweizer Slam-Poetin, in einer Chronik zum vergangenen Jahr in der
«Neuen Zürcher Zeitung». Eigentlich muss man Hazel Brugger nicht mehr
vorstellen, handelt es sich doch um die Schweizermeisterin im Slam Poetry, die
sich als aufmerksame Gesellschaftsbeobachterin in die Herzen ihrer Generation
geschrieben hat. Sie ist 20 Jahre alt,
liebt das Spiel mit der Sprache und dem Publikum und hat ein scharfes Auge für
die Absurditäten des Lebens. «Bevor man
gezeugt wird, ist das Leben noch in Ordnung», heisst die Überschrift über einem
ihrer Texte. Hazel Bruggers Texte sind präzise und tun weh. Zart an ihr ist nur das Alter.
«Die böseste Frau der Schweiz» nennt
der «Tages-Anzeiger» Hazel Brugger. Sie nimmt das Etikett mit Vergnügen zur
Kenntnis: «Das ist dermassen absurd, dass es schon wieder ein Kompliment ist»,
sagt Brugger lachend. Aber der
Superlativ gefällt ihr. Skalpell und
Zweihänder – Hazel Brugger weiss, wo und wie sie ansetzen muss, um ihr Publikum
mit ihren morbiden Texten zu erschlagen. Diese trägt sie mit ungerührter Miene
vor und verpackt darin kunstvoll die grossen Themen des Lebens. Ihre
Bühnenpräsenz ist so souverän, dass sie 2013 zur Poetry-SlamSchweizermeisterin
gekürt wurde. - Für Hazel Brugger gibt es keine thematischen No-Gos in ihren
Texten. Als kompromisslos sieht sich die 20-jährige Philosphiestudentin und Slam-Poetin
aber durchaus. «Wenn man eine Schiene gewählt hat, darf man nicht am Schluss
entgleisen und weich werden.» Und so betritt eine blonde, junge,
schwarzgekleidete Frau mit regungsloser Miene die Theaterbühne und beginnt
seelenruhig, die Welt in Einzelteile zu zerlegen. Scharf in der Analyse und
zurückhaltend im Ton, beobachtet sie die Sterblichkeit der Menschen, die Unterdrückung
von Frauen und das Leben in der Agglo. Bruggers Performances könnten morbid
wirken, wäre da nicht ihr Sprachwitz. Und der Kontrast zu ihrem Äusseren. Die
Slam-Poetin ist sich sehr wohl bewusst, dass sie bestimmte Dinge aussprechen
darf, gerade weil sie jung und eine blonde Frau ist. Doch für Brugger ist klar:
«Jede Form von Humor ist aggressiv.» Humor werfe einen wie in ein
Paralleluniversum – aber das müsse stimmig und in sich geschlossen sein. Hazel
Brugger ist auf gutem Weg, ihren Humor in die Welt hinaus zu tragen. Den klassischen
Klassenclown wollte sie jedoch nie spielen. Vor über drei Jahren sah die Studentin,
damals noch Schülerin an der Kantonsschule Bülach, zum ersten Mal Poetry-Slams.
«Ich weiss nicht, was mich damals geritten hat», scherzt sie, «dass ich da auch
mitmachen wollte.» Ohne es jemandem zu sagen, trat sie mit ihren Texten auf –
und war erstaunt, dass niemand bemerkte, wie nervös sie war. Seither lässt sie
sich vom «Triebsand» der lebendigen Slam-Szene mitreissen, tritt im ganzen
deutschsprachigen Raum auf und wurde so zu einer Meisterin im deutschen Poetry-Slam.
Brugger sieht sich als «aggressive Melancholikerin». Sie kombiniert
Beobachtungsgabe und Sprachbewusstsein mit einem eigenwilligen, schrägen Blick
auf die Welt. Die Absurdität des Alltags begegnet ihr auf Schritt und Tritt.
«Es gibt Dinge, die vollkommen banal sind und bei näherer Beobachtung völlig
unverständlich.» Im Gespräch bricht immer wieder Bruggers unverschämte
Offenheit durch. Die Frechheit des Humors nutzt sie zur Entlarvung. Erst knapp
dem Teenager-Alter entwachsen, versucht sie, all jene Menschen, die sich als
Krone der Schöpfung betrachten, zu entthronen. Wenn sie überhaupt eine
Botschaft hat, dann diese: «Ihr seid auch nur Menschen! Wir alle wurden geboren
mit Blut und Schleim, und wir sterben und machen uns in die Hose.» So nahe
beisammen liegen das Schöne und das Hässliche, das Banale und das Grossartige. Im
Philosophiestudium hat Brugger einen Weg gefunden, um ihre eigene, notgedrungen
egozentrische und eingeschränkte Weltsicht zu relativieren. «Nur schon, dass
man sich nie von hinten sieht: Es könnte doch einen Gott geben, und der ist die
ganze Zeit hinter uns, und wir sehen ihn nie.» So pendelt sie zwischen der
Universität Zürich, ihrem Wohnort Winterthur und zahlreichen Bühnen im ganzen
deutschsprachigen Raum. Dabei hat sie gelernt, überall einzuschlafen. Das
«knallharte Erwachsensein» ist Bruggers Sache nicht. Wird also aus ihr nichts
Richtiges? « Ich weiss nicht», sagt Hazel Brugger. «Es gibt Leute, die finden, dass ich jetzt
schon etwas Richtiges mache; für die ist es okay. Aber viel richtiger wird es
wohl nicht.»
Spricht Ihnen Hazel Brugger aus der
Seele so wie Julia Engelmann, dem Sprachrohr einer neuen Gerneration - so die
deutsche Wochenzeitschrift «DIE ZEIT » - die in ihrem Gedicht «Eines Tages, Baby», das
alleine auf YouTube über 7 Millionen Mal aufgerufen wurde, von sich sagt:
« Es gibt zu viel zu
tun, meine Listen sind so lang, ich werde das eh nie alles schaffen, also fang
ich gar nicht an. Stattdessen häng ich planlos vorm Smartphone, wart bloss auf
den nächsten Freitag. „Ach, das mach ich später“ ist die Baseline meines
Alltags. Ich bin so furchtbar faul wie ein Kieselstein am Meeresgrund. Mein
Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf. Mein Dopamin – das spar ich immer,
falls ich’s noch mal brauch (…) Und Du? Du murmelst jedes Jahr neu an Silvester
die wiedergleichen Vorsätze treu in dein Sektglas und Ende Dezember stellst Du
fest, dass du Recht hast, wenn Du sagst, dass Du sie dieses Jahr schon wieder
vercheckt hast (…) Und eines Tages, baby, werden wir alt sein, oh baby, und an
all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können, und die
Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen, werden traurige Konjunktive
sein.»
Kaum eine Timeline war sicher vor
Zitaten wie: «Unser Leben ist ein Wartezimmer, und niemand ruft uns auf». Oder
«Mach ich später, ist die Baseline meines Alltags». Man las vom «planlos vor dem Smartphone» Hängen
und vom Sichverlieren in «traurigen Konjunktiven». Engelmanns Alterskohorte fühlte
sich offensichtlich angesprochen und erkannt. Auch wenn die Reime holpern,
ist das alles ja noch nett gesagt und vor allem erfrischend konkret. Nicht zu
verkennen ist trotzdem, dass die Leitmotive des Textes Mutlosigkeit sind,
Lethargie, Bummelei und Handlungsaufschub, auch Prokratination genannt. Im Wesentlichen reproduzieren sie die
Vorstellung von der verunsicherten Generation der Anfangzwanzigjährigen. Eine
Generation, die schon viel zu viel Zeit verplempert hat. Eine gelangweilte
Generatin sitzt verdruckst in ihren Hörsälen und starrt paralysiert auf ihre
Zukunft, anstatt im Jetzt zu leben. Viele unterliegen einem diffusen Unbehagen in
einer verwalteten Welt, die dem Individuum immer weniger Ausweichräume bietet. Es
gibt kein richtiges Leben im falschen.
Möglich auch, dass es an der Bologna-Reform
liegt, die das romantische Bild des freigeistigen Studenten verworfen hat, und
ihn mit Begriffen wie Effizienz, Creditpoints und Flexiblität umstellt. Jedenfalls ist für viele vieles irgendwie doof
geworden! Ja doof, eintönig, trocken und
sterbenslangweilig leer. Ermüdend gleichförmig, uninteressant, monoton und
abgestanden schal, ausgewaschen fadenscheinig wie ein altes T-shirt. Kurz, ohne
jeden Reiz und Schwung, stimmungslos, schwerfällig langsam und ohne jede
Animation und Bewegung.
Wo also liegen die Ursachen, dass so
viele Anfangzwanzigjährige lieber chillen und relaxen, anstatt erwachsen zu werden
und endlich zu leben beginnen? «Ich will nicht an morgen denken, ich versuch
mich abzulenken», eine andere Baseline ihres Lebens. Kinder, wie die Zeit
vergeht. Erwachsenwerden will ich nicht!
Warum, glauben Sie gibt es bis zu
den Marturitätsprüfungen so viele Schülerinnen und Schüler, die einiges aufschieben
oder aufgeschoben haben, so dass sie bis zum Beginn der eigentlichen Prüfung
ihre Textbücher und Formelsammlungen zu konsultieren glauben müssen, um wenige
Tage später bei einem festlichen Anlass als Maturae und Maturi das sogenannte Reifezeugnis in Empfang zu nehmen?
Christoph
Frei